Das Diktat der Schönheit

Im September 2014 widmete sich der Medienblick dem Thema „Schönheit“. Ein Anlass für mich, das aktuelle Schönheitsideal genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Teaserbild ist von superfamous.com (CC-BY-3.0).
Eine Frau im Profil

Leslee Mitchell/flickr unter CC BY 2.0

Die Omnipräsenz des westlichen Schönheitsideals ist unumstritten. Aber was genau umfasst ein Schönheitsideal eigentlich? Welche Schönheitsideale regierten die Welt früher? Und hat eine solch positiv konnotierte Eigenschaft wie „Schönheit“ ausschließlich positive Seiten?

Leicht gebräunter Teint, strahlend blaue Augen, blitzweißes Zahnpastalächeln. Lücken oder schiefe Zähne? Sowas hat sie nicht. Das lange blonde Haar reicht bis zu ihrer wohlgeformten Brust, schätzungsweise Körbchengröße 75C. Obwohl ihr Bauch flach und ihre Hüften schmal sind, hat sie einen runden Apfelpo. Das ist sie: die perfekte Frau.

Männern sollte erst gar nicht das Wasser im Mund zusammenlaufen – denn die perfekte Frau ist schon vergeben. Und zwar an Mister Perfect: Auch seine Haut ist dezent gebräunt, nicht zu stark, das gilt inzwischen schon wieder als ordinär. Er lacht breit und verschmitzt, sein Haar ist kurz, aber voll. Sein lässiger Drei-Tage-Bart sieht einfach toll aus zu seinem trainierten, aber keineswegs aufgepumpten Körper. Wer steht heute schon auf Bodybuilder?!

Omnipräsenz durch die Medien

Eine Barbie-Puppe

Schon als Kind zeigen uns Puppen wie Barbie, welches Ideal gilt. Bild: vanessa v./flickr, CC BY-NC-ND 2.0

 

Egal wo wir uns befinden, überall begegnen wir den beiden. Es ist unmöglich, sich dem perfekten Mann und der perfekten Frau zu entziehen. Daran sind vor allem die Medien, mit deren diversen Formen wir täglich in Berührung kommen, Schuld. Nicht nur „neue“ Kanäle wie Fernseher, Computer, Tablet, Smartphone und das über sie zugängliche Internet, sondern auch ganz klassische Vertreter wie Werbeplakate, Flugblätter, Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften führen uns immer wieder bildlich vor Augen, was Schönsein in unserem Kulturkreis bedeutet.

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung leidet nicht nur das weibliche Geschlecht unter diesem Schönheitsdiktat. Formate wie Germany’s Next Topmodel und die Modebranche insgesamt tragen zwar mit Sicherheit dazu bei, dass optische Ideale bei Frauen mehr Aufmerksamkeit erlangen. Der Idealtypus der äußeren Erscheinung zwingt sich dem anderen Geschlecht allerdings genauso auf: Man(n) hat heutzutage athletisch gebaut und gepflegt zu sein, unter einer Körpergröße von 1,80 ist das Prädikat unverdient.

Was ist ein Schönheitsideal?

Ob in einer ihrer etablierten oder modernen Erscheinungsformen, die Medien präsentieren Männern wie Frauen das Schönheitsideal unserer Zeit immer und überall. Ein Schönheitsideal definiert, was innerhalb einer bestimmten Epoche in einem bestimmten kulturellen Kontext als schön, anmutig und attraktiv gilt. Dabei umfasst es neben erstrebenswerten Merkmalen des menschlichen Körpers und Gesichts, auch Gestik, Mimik und Körpersprache. Teilweise können sich Schönheitsideale von Kultur zu Kultur unterscheiden.

Demonstriert hat dies erst kürzlich die Journalistin Esther Honig anhand eines Experiments: Sie forderte Grafiker verschiedenster kultureller Hintergründe auf, sie auf einem Foto hübsch aussehen zu lassen. Dabei erhielt sie 22 unterschiedliche Ergebnisse. Allerdings konnte in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt werden, dass solche Unterschiede eher nebensächlich sind und Eigenschaften existieren, die universell als schön gelten, zum Beispiel makellose Haut oder Symmetrie. Trotz zeitloser Schönheitsmerkmale verändern sich Idealbilder der äußeren Erscheinung aber auch im Laufe der Zeit.

Schönheitsideale in unterschiedlichen Epochen

Ein Gemälde des Malers Rubens, das eine kurvige Frau zeigt

Zur Zeit Rubens bevorzugten die Männer üppigere Frauen. Bild: mary holman/flickr, CC BY-NC-SA 2.0

So wirkten Männer im Mittelalter besonders attraktiv, wenn sie einen langen, blondgelockten Haarschopf aufweisen konnten. Bei Frauen galt eine hohe Stirn als anmutig. Daher entfernten sie sich üblicherweise die Haare am Haaransatz. Sollten sie bis zum Ende des 15. Jahrhunderts außerdem mädchenhaft gebaut sein, schlug diese Idealvorstellung in Renaissance und Barock komplett ins Gegenteil um: extrem weibliche Kurven galten als erstrebenswert. Auch geschlechtsübergreifend bildete Übergewicht den Schönheitsstandard – denn einige Kilos zu viel signalisierten Wohlstand.

Zudem wurde viel Wert auf Puder, Schminke und Frisur, meist in Form einer weißgelockten Perücke, gelegt. Dieses Schönheitsdenken schlug später abermals in ein anderes Extrem um: Übergewicht wurde nicht mehr mit Wohlstand, sondern mit Faulheit assoziiert, Schlanksein hingegen bedeutete Leistung und Erfolg. In den 1920er Jahren waren weibliche Kurven gänzlich out. Stattdessen orientierte sich die Frau an der „Garconne“. Möglichst jungenhaft wollte man aussehen – wer schick war, trug kurzes Haar und band sich die Brüste flach an den Köper.

Schönsein heute

Nach dem Krieg durfte es dann wieder mehr Weiblichkeit à la Marylin Monroe sein. Heute diktieren Formeln wie 90-60-90 und Waschbrettbauch das Ideal der äußeren Erscheinung. Wer schön sein will, muss sportlich sein. Diese aufgezwungene Vorstellung des perfekten Mannes und der perfekten Frau stößt immer wieder auf herbe Kritik. Nicht nur sei das Erreichen des aktuellen Schönheitsideals für viele Menschen völlig unrealistisch, auch die bloße Existenz eines solchen Idealbilds stehe beispielhaft für die weiter fortschreitende Veroberflächlichung der Gesellschaft.

Kritik am Schönheitswahn wird also wahr- und ernst genommen. Trotzdem scheinen sich Forderungen, das „Normale“ und Individuelle zum höchsten Standard von Schönheit zu deklarieren, nicht durchsetzen zu können. Man lehrt uns von klein auf, dass es auf die inneren Werte ankommt, aber die Medien transportieren eine gegenteilige Botschaft: Attraktivität ist wichtiger als das Wesen. Obwohl das vermeintliche Ideal so unbedeutend sein könnte, hat es einen elementaren Einfluss auf die Gesellschaft. Nur wieso schafft diese es nicht, sich vom Diktat der Schönheit zu befreien?

Der Sinn von Schönheit

Eine Erklärung findet sich in der Evolutionstheorie Darwins. Ihr zufolge ist ein ansprechendes Äußeres elementar für die Fortpflanzung: Schönheit signalisiert den Artgenossen, dass man anderen Individuen gegenüber Vorteile bietet und einen Partner darstellt, von dem die Nachkommen profitieren könnten. Stärke, sozialer Status, Fruchtbarkeit und Gesundheit werden als besonders attraktiv empfunden. Um diese Eigenschaften optisch hervorzuheben, arbeitet die Natur mit Markierungen. Diese Markierungen beeinflussen das Verhalten bei der Partnerwahl.

Ein athletischer gebauter, durchtrainierter Mann

Mutter Natur lässt uns annehmen: Dieser Mann ist gesund. Bild: T K/flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Sie vermitteln unbewusst Botschaften und lenken das Verhalten des Signalempfängers damit in eine bestimmte Richtung. So sind viele Insekten durch auffällige Muster oder Farben markiert, um Feinde schon im Vorfeld in die Flucht zu schlagen. Schönheit verfolgt das gleiche Prinzip. Statt das Überleben wahrscheinlicher zu machen, steuert sie allerdings das Paarungsverhalten. Besonders wichtig ist dabei die Verbindung zwischen Schönheit und Gesundheit.

Von Menschen mit der Markierung „Schönheit“ nimmt man an, dass sie gesünder und fruchtbarer als solche sind, die die Markierung nicht besitzen. In diesem Zusammenhang spielt, wie bereits kurz angedeutet, Symmetrie eine große Rolle. Personen, die an Körper oder Gesicht starke Asymmetrien aufweisen, assoziiert man unbewusst mit Krankheit. Vorstellungen von Attraktivität und Schönheitsideale im Laufe der Zeit scheinen der Menschheit also als Orientierung zu dienen. Sie sind eines der Mittel, mit deren Hilfe der Mensch seine Welt strukturiert.

Probleme durch Schönheitsideale

Biologisch und evolutionär betrachtet haben Schönheit und Attraktivität also durchaus ihren Sinn. Trotzdem sind die Probleme, die das westliche Schönheitsideal mit sich bringt, enorm. Essstörungen wie Bulimie, Anorexie oder Binge Eating nehmen immer mehr zu, beim Sport begeben sich Personen an ihre körperlichen Grenzen. Nicht nur viele Frauen, auch Männer halten sich zu sehr an das Credo „Wer schön sein will muss leiden“ und unterziehen sich bei bester Gesundheit aufwendigen und im Nachhinein oft schmerzhaften Schönheitsoperationen.

Bemerkenswert ist, dass diese Tendenz nicht neu zu sein scheint – auch in früheren Zeiten zogen manche Schönheitsideale bereits negative Konsequenzen mit sich. So hat der Brauch des Lotusfußes im chinesischen Kaiserreich viele Frauen mit verkrüppelten Füßen zurückgelassen. Hierbei wurden die Füße eingebunden oder sogar gebrochen, um sie dauerhaft klein zu halten. Die Betroffenen konnten sich zwar kaum noch über längere Strecken fortbewegen, wurden aber mit Wohlstand und Erotik assoziiert. Auch Magersucht soll bereits weit verbreitet gewesen sein.

Oscar Wilde hat einmal treffend formuliert: „Wem die Schönheit der Form alles bedeutet, dem scheint nichts anderes von großer Bedeutung.“ Wenn es als erstrebenswerter gilt, eine gerade Nase zu haben, als sein Äußeres zu akzeptieren und sich über die wichtigen Dinge des Lebens Gedanken zu machen, scheint sich die Gesellschaft tatsächlich auf dem Weg in eine Epoche der Oberflächlichkeit zu befinden. Indem sie die Perfektionierung der äußeren Erscheinung zu einer Lebensaufgabe für viele Menschen macht, würdigt sie die Herausbildung einer eigenen Persönlichkeit herab.

Nicht schön, sondern schöngeistig!

Es darf nicht so weit kommen, dass Leitbilder das Leben derart bestimmen, dass Menschen körperlichen Schaden nehmen oder psychisch krank werden. Die Medien suggerieren oft, das Erreichen eines Schönheitsideals, einer bestimmten Kleidergröße oder eines Looks seien wichtiger als alles andere. Dabei kann es nur falsch sein, einem Ideal nachzueifern, das nicht nur unrealistisch, sondern auch völlig unbedeutend ist, weil es ignoriert, was wirklich zählt.

Stücke einer Barbie-Puppe auf einer Straße

Wer zufrieden mit sich ist, braucht kein Ideal. Bild: eyesontheroad/flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Idealvorstellungen nehmen nur so viel Raum im Leben ein, wie man ihnen lässt. Deshalb muss ein jeder lernen, zufrieden mit sich selbst zu sein. Makel machen nicht hässlich, sondern einzigartig und gehören zu einem. Evolutionär bedingt mag Schönheit nicht immer nur im Auge des Betrachters liegen – aber ist es nicht viel wichtiger über Humor, Liebenswürdigkeit oder Intelligenz zu verfügen, und mit seinem Charakter und sich selbst im Reinen zu sein? Liebt euren Körper und euch selbst – dafür müsst ihr nicht perfekt sein.

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