Schicke Schickse

Wörter 18. November 2017
 

Mein allererster Blogbeitrag! Freude, Freude, Freude! Und direkt bei meinem ersten Beitrag brauche ich schon etwas Anlauf, um euch die Wahl des Themas zu erklĂ€ren. 😉 Es geht um das böse Wort Schickse. So wie in: „Dann hat die olle Schickse vom Ordnungsamt mir tatsĂ€chlich noch 30 Euro wegen Beamtenbeleidigung aufgebrummt.“

Schickse ist laut Duden ein salopp abwertender Ausdruck fĂŒr eine leichtlebige Frau – also ein Synonym fĂŒr Prostituierte, Hure, Nutte… Ich erspare euch despektierlichere Synonyme. Das war jedenfalls jahrelang die einzige Bedeutung, die ich mit dem Schimpfwort verknĂŒpft habe.

Sichtlich erstaunt war ich dann, als ich es vor ein paar Monaten in einem Song aus meinem derzeit liebsten Musical – „The Last Five Years“ – hörte, das ich gerade mit meiner Gesangslehrerin arbeite. Ich schenkte dem wenig musicalmĂ€ĂŸigen Sprachgebrauch in „Shiksa Goddess“ allerdings keine weitere Beachtung, weil das Lied vom mĂ€nnlichen Protagonisten (Jamie) gesungen wird.

Ich musste es also nicht lernen und beschĂ€ftigte mich stattdessen mit den Songs der weiblichen Hauptrolle Cathy. Weil ich immer begeisterter von der Musik und der ErzĂ€hlform des Musicals war, in Deutschland aber kein Theater weit und breit den Stoff im Programm hatte, kaufte ich mir die DVD – und stutzte wiederum, als mir der großartige Jeremy Jordan als Jamie auf dem Bildschirm entgegenschmetterte:

If you had a tattoo, that wouldn’t matter
If you had a shaved head, that would be cool
If you came from Spain or Japan
Or the back of a van
Just as long as you’re not from Hebrew school
I’d say, „Now I’m getting somewhere
I’m finally breaking through“
I’d say, „Hey, hey, Shiksa goddess
I’ve been waiting for someone like you.“

Das Musical The Last Five Years erzĂ€hlt die Liebesgeschichte der Schauspielerin Cathy Hyatt und des Schriftstellers Jamie Wellerstein. Das Besondere: Mit jedem Song wechselt die Perspektive zwischen den beiden hin und her. Dabei schildert Cathy ihre gemeinsame Geschichte rĂŒckblickend und beginnt am Ende der Beziehung, wĂ€hrend Jamie chronologisch erzĂ€hlt.

In „Shiksa Goddess“ haben sich die beiden gerade kennengelernt. Der charismatische Jamie huldigt seiner Angebeteten Cathy und erklĂ€rt, er habe auf so jemanden wie sie gewartet. Also total verliebt. Wieso besingt er sie dann als Schicksengöttin? Fieser geht’s ja wohl kaum! War Cathy vorher vielleicht besonders leicht zu haben?

Nein, mit PromiskuitĂ€t hat „Schickse“ nichts zu tun. Vielmehr ist es eines der zahlreichen Wörter, die das Deutsche – und eben auch das Englische – aus dem Jiddischen entlehnt hat. Es geht auf den nachantiken hebrĂ€ischen Ausdruck „schiqesa“ zurĂŒck, der so viel wie „die Unreine“ bedeutet. Aus der Sicht von Menschen jĂŒdischen Glaubens ist eine Schickse daher schlichtweg eine „NichtjĂŒdin“, ein „nichtjĂŒdisches MĂ€dchen“, manchmal auch ein „DienstmĂ€dchen“.*

Ich hatte von dieser Konnotation bis zu meiner Recherche noch nie etwas gehört. Denn im Deutschen hat das Wort „Schickse“ im Laufe der Jahrzehnte einen negativen Beiklang bekommen. Anders in den USA, wo der Begriff „Shiksa“ auch heute nicht abwertend gemeint ist.

Dass das Wort bei uns eher als Beleidigung genutzt wird, ist wohl auch der Grund, warum die deutsche Version des Songs „Meine Göttin“ und nicht „Schicksengöttin“ heißt. 😉 Hört doch mal in The Last Five Years rein und sagt mir, wie ihr die Musik findet. Ich kann das Musical wirklich nur empfehlen!

Übrigens gibt es im Deutschen viele solcher sogenannten Jiddismen: Wir reden mit unserer Mischpoke gelegentlich mal Tacheles, freuen uns, wenn ein Ganove ordentlich ins Schlamassel gerĂ€t und werden meschugge, wenn wir beim AufrĂ€umen merken, was fĂŒr einen Haufen Tinnef sich in den Tiefen unserer Schubladen verbirgt. Ist es nicht ironisch, dass eine Sprache, die man jahrhundertelang versuchte samt ihrer Sprecher ins Abseits zu drĂ€ngen und sogar auszulöschen, einen solchen Einfluss auf die deutsche Sprache genommen hat?

*Einen nichtjĂŒdischen Mann nennt man ĂŒbrigens Schekez.

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