Deine Smileys haben Nasen

Sprachen und Dialekte 15. Dezember 2017

Kennt ihr sie noch? Die guten alten Emoticons? Das sind die Smileys, die man selbst aus Satzzeichen zusammensetzte und mit denen man seine Kurzmitteilungen aufhübschte, bevor die Emojis auf der Bildfläche erschienen. (Übrigens finde ich es auffallend, dass bei einigen inzwischen Haut- und Haarfarbe individualisierbar sind, damit sich niemand diskriminiert fühlt, aber keiner daran gedacht hat, dass es auch rothaarige Menschen auf dieser Welt gibt?!)

„Emoticon“ ist eine Neuschöpfung aus den englischen Wörtern „emotion“ und „icon“. Die kleinen Zeichenpuzzles helfen uns dabei, Gefühle wie Freude, Trauer oder Ironie zu vermitteln, wenn wir schriftlich kommunizieren – man uns die Gefühle also nicht direkt vom Gesicht ablesen kann. Um sie richtig zu entschlüsseln, muss man den Kopf nach links neigen.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich benutze Emoticons immer noch gerne. Als Kind der Neunziger fühlt es sich für mich oft natürlicher an, einfach schnell mal 🙂 hinter einen Satz zu klemmen anstatt das Emoji rauszusuchen. Mir ist allerdings aufgefallen, dass sich auch die Kinder der Neunziger in zwei Gruppen zu teilen scheinen. Ich gehöre zu der einen Gruppe, die ich einfach mal ganz bescheiden Die Coolen nenne. Die andere Gruppe bilden – wer kennt sie nicht? – Die Nasenbären.

🙂

Woran es liegt, weiß ich nicht – aber wenn mir jemand, der ungefähr mein Alter hat, einen Emoticon mit Nase schickt, verspüre ich unglaubliche Fremdscham. Geht euch das auch so? Woran liegt das? Nicht dass es schon mal vorgekommen wäre, dass ich deshalb das Interesse an einem Mann verloren hätte…

Na, wie war dein Tag? 🙂
– Ich kann nicht mit dir schreiben. Deine Smileys haben Nasen.

Die Geschichte der Emoticons beginnt 1982 in den USA. Der Informatiker Scott Fahlman macht am 19. September einen Vorschlag, wie sich witzige und ironische Äußerungen in E-Mails oder Chats markieren lassen, um Kommunikationsprobleme zu vermeiden. 

I propose that the following character sequence for joke markers:
🙂
Read it sideways. Actually, it is probably more economical to mark things that are NOT jokes, given current trends. For this, use
🙁

„:-)“ als Witzmarker bzw. „:-(“ als Marker für „kein Witz“. Fahlmans Idee macht es fortan möglich, in schriftlichen Texten in gewisser Weise nonverbal zu kommunizieren. Seine zwei Emoticons breiten sich nicht nur rasend schnell aus, die Leute erfinden auch eigene Zeichensequenzen für immer neue Gefühle und Zustände. Eine Übersicht findet ihr zum Beispiel hier.

Das lächelnde Gesicht mit Nase ist also der Ur-Emoticon. Ich vertrete die Theorie, dass es beim Emoticon so abgelaufen ist, wie bei jeder Form von Sprache: sie hat sich weiterentwickelt. In diesem konkreten Fall hat eine sprachliche Verkürzung stattgefunden: Denn der Bindestrich, der ikonisch die Nase repräsentiert, bedeutet für den Tippenden einen extra Anschlag auf der Tastatur, verlangsamt also den Kommunikationsprozess. Und da man das Gesicht auch nur mit Augen und Mund als solches erkennt – warum den Bindestrich nicht gleich weglassen?

„:)“ ist also ein Emoticon 2.0, eine weiterentwickeltes Zeichen. Wahrscheinlich rührt daher auch mein Schamgefühl beim Anblick des Klassikers „:-)“. Denn derjenige, der ihn benutzt, vermittelt den Eindruck, er habe diesen sprachlichen Entwicklungsschritt nicht mitgemacht. Und gehöre damit der Gruppe derer an, die den richtigen Slang im Internetz nicht kennen. Das ist so, als wenn ihr abends ganz analog in eine Bar geht, jemand neues kennenlernt und das erste, was die Person zum neuen Cocktail auf der Getränkekarte zu sagen hat, ist: „Geschmacklich finde ich den ziemlich knorke.“

Übrigens unterscheidet sich schriftliche nonverbale Kommunikation genauso wie „echte“ nonverbale Kommunikation zwischen den Kulturen. Nur in der westlichen Welt werden die Emoticons von links nach rechts gelesen. Die Japaner bauen die süßen Gesichter waagerecht.

^^
(^_^)
(^.^)
(ò.ó)
oder
(,,,)—=^.^=—(,,,)

Diese possierlichen Satzzeichengebilde machen außerdem deutlich, dass in Japan der Ausdruck der Augen wichtiger als der des Mundes zum Erkennen von Gefühlen ist. Bei uns in der westlichen Welt liegt der Fokus hingegen auf dem Mund. Übrigens hat sich gerade der oberste Emoticon bei uns sehr stark eingebürgert – anders als der Nasenbär erweckt er in mir keine Scham, sondern macht mich eher aggressiv. 😀 Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag.

Wem geht es ähnlich wie mir? Gibt es Emoticons, die ihr komisch findet? Die euch wie mich passiv-aggressiv machen oder bei deren Nutzung ihr einfach nur peinlich berührt seid? Ich bin gespannt!

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