Voll schwul

Wörter 10. Januar 2018

An einem (schwulen) Sommerabend sitze ich nach der Theaterprobe noch eine Weile mit meinem Ensemble im Hofgarten. Einem der belebtesten Orte bei uns in Bonn, wenn die Temperaturen über 20 Grad klettern. Wir reden über unsere Schulzeit, vor allem über die ersten Jahre auf der weiterführenden Schule. Mir fällt ein, dass wir als Fünftklässler in der großen Pause immer ein selbsterfundenes Spiel spielten: Schwuli.

Politisch war das wohl schon damals nicht ganz korrekt. Aber uns Zehn- und Elfjährige interessierte das nicht besonders. Wir waren vielmehr damit beschäftigt, uns ein hochkomplexes Regelwerk für Schwuli auszudenken: Abhängig von der Zahl der Mitspieler gab es einen oder mehrere Fänger. Das waren dann unsere Schwulis. Sie hatten das Ziel, alle restlichen Mitspieler zu kriegen.

Wenn die Schwulis jemanden fingen, musste der oder die Gefangene in einem großen Ausfallschritt stehenbleiben. Er oder sie konnte nämlich befreit werden, indem einer der noch freien Spieler zwischen seinen bzw. ihren Beinen durchrobbte. Ihr könnt euch vorstellen, dass das Spiel bei einer Klassengröße von circa 25 Kindern selten ein Ende fand. 😉

„Hättet ihr das heute gespielt, hättet ihr euch ziemlich in Schwulitäten gebracht“, grinst Simon nach meiner Erzählung. Die anderen lachen und merken nicht, wie mir in diesem Moment zwei riesige Schuppen von den Augen fallen. Darüber habe ich noch nie nachgedacht! Haben die Wörter schwul und Schwulität etwas miteinander zu tun? Kommt Schwulitätvielleicht von schwul oder umgekehrt? Meiner Müdigkeit zum Trotz fange ich zu Hause direkt an zu recherchieren.

In Schwulitäten gerät man in Deutschland noch nicht so lange. Zunächst gab es nur die Wörter schwul und schwül. Beide bedeuteten bis ins 17. Jahrhundert hinein sogar dasselbe: Sie bezogen sich auf heißes Wetter mit relativ hoher Luftfeuchtigkeit, waren also Synonyme für drückend warm. Durch unterschiedliche Einflüsse nutzte die deutsche Sprachgemeinschaft schwul und schwül lange parallel. Stammt die eine Form vom niederdeutschen swul ab, liegt der Ursprung der anderen beim niederländischen zwoel.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte schwül sich schließlich durch – vermutlich deshalb, weil es klanglich besser zu seinem Antonym kühl passte. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus schwül dann der Ausdruck Schwulität, was so viel wie Schwierigkeit bedeutet. Der Gedanke dahinter leuchtet ein: Bei schwülem Wetter kommt man ins Schwitzen – ebenso wenn man in Schwierigkeiten gerät.

Ein Jahrhundert lang war die abgehängte Wortform schwul aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden, bis sie um 1900 als Synonym für homosexuell wieder auftauchte. Allerdings ohne positiven Beiklang, sondern abwertend gemeint. Aus heutiger Perspektive ist das schwer nachzuvollziehen, weil wir das Wort als sehr neutral wahrnehmen. Tatsächlich bezeichnen sich homosexuelle Männer aber erst seit den Achtzigern selbst als Schwule. Bis dahin war der Ausdruck eher eine Beleidigung.

Obwohl sich seine Bedeutung gewandelt hat, gibt es auch heute noch Homosexuelle, die den Begriff nicht gutheißen. So kam eine Umfrage aus dem Jahr 2008 zu dem Ergebnis, dass sich immerhin noch 13 % der homosexuellen Männer über die Verwendung des Begriffes ärgern. 27 % benutzen schwul nicht, stören sich aber auch nicht daran. Mit 59 % sind es allerdings doch die meisten, die den Begriff selbst gebrauchen.

Übrigens ist die bis ins 17. Jahrhundert noch gültige Bedeutung von schwul für drückend warm auch der Grund, warum man homosexuelle Männer heute manchmal warmer Bruder nennt.

In der lauwarmen, gar nicht schwülen Sommernacht nach der Theaterprobe gehe ich zufrieden ins Bett und denke an unsere kreativen Fang-Spiele in der großen Pause: Ich kichere. Heutzutage wären wir für unseren Spielnamen mit Sicherheit gerügt worden. Aber lasst uns mal ehrlich sein: „Schwuli“ klingt definitiv nach einem spaßigeren Pausenspiel als „Warmer Bruder“.

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