Jiddish

Sprachen und Dialekte 10. Februar 2018

In meinem ersten Post bin ich am Rande schon auf das Jiddische eingegangen. Vor ein paar Tagen stieß ich dann beim Aufräumen meines Smartphones auf einen Podcast über den jiddischen Liedermacher Mordechaj Gebirtig. Das hat mich dazu bewogen, mich etwas intensiver mit der Sprache auseinanderzusetzen. Direkt zu Beginn sei gesagt, dass die Themen Jiddisch bzw. Jüdische Kultur natürlich viel zu komplex sind, als dass ich ihnen in einem kurzen Blogpost gerecht werden könnte. Versteht die folgenden Zeilen also eher als kurzen Sprach-Steckbrief. Wenn ihr euch historisch eingängiger mit dem Jiddischen auseinandersetzen wollte, kann ich euch diesen Artikel von Dirk Schumer empfehlen.

Der vollständige Name des Jiddischen lautet eigentlich Jiddisch-Deutsch. Jiddisch ist die Sprache der askenasischen Juden, also der Juden, die sich einst in Mittel-, Ost- und Nordeuropa niederließen. Weil es aufgrund dieser geografischen Lage entsprechend vielen Einflüssen ausgesetzt war, ist das Jiddische heute ein buntes Potpourri, eine „Promenadenmischung“ wie Dirk Schumer sie nennt, mit vielen hebräischen, slawischen, aber vor allem deutschen Anteilen. Auch die jiddische Grammatik basiert grundsätzlich auf der deutschen, weist aber auch zahlreiche eigene Entwicklungen auf.

Die Sprache der sephardischen Juden, also der Menschen jüdischen Glaubens, die von der iberischen Halbinsel stammten, heißt Ladino und hat kaum etwas mit dem Jiddischen zu tun. Beide haben jedoch gemeinsam, dass es sich bei ihnen um Alltagssprachen handelt. Auf Hebräisch und Aramäisch kommunizierten die Juden vor allem schriftlich, Ladino bzw. Jiddisch war für den direkten Austausch da. Natürlich schrieb man irgendwann auch auf beiden Sprachen. Während das Ladino allerdings lateinische Buchstaben nutzte, schrieb man Jiddisch und schreibt es auch heute noch mit dem hebräischen Alphabet, das aus 22 Zeichen ohne Groß- und Kleinschreibung besteht. Wie das im Ganzen aussieht kann man bei der Zeitung The Forward sehen. Sie erscheint monatlich in einer jiddischen Ausgabe und hat auch ein entsprechendes Online-Angebot:

Im späten 19. Jahrhundert wanderten viele Juden nach Nordamerika aus, wodurch das Jiddische zunehmend durch das Englische beeinflusst wurde. Aber auch umgekehrt zogen viele jiddische Wörter in das amerikanische Englisch ein, vor allem die Umgangssprache, der bekannteste Ausdruck darunter vermutlich bagel oder shmuck. Auch im Deutschen gibt es wahnsinnig viele Lehnwörter aus dem Jiddischen, sogenannte Jiddismen. Zum Beispiel „Stuss“ oder „Ische“. Und sogar das stetig wiederkehrende „Guten Rutsch“ am Ende des Jahres stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Jiddischen.

Ist es nicht ironisch, dass eine Sprache, die man jahrhundertelang versuchte samt ihrer Sprecher ins Abseits zu drängen und am Ende sogar auszulöschen, gerade auf das Deutsche einen solchen Einfluss genommen hat? Sprachen vor 1939 rund 10 Millionen Menschen jiddisch, liegt die Sprecherzahl heute geschätzt bei 1,5 Millionen. Wer mal ins Jiddische reinhört, wird staunen, wie viel man als Deutschsprachiger verstehen kann. Die Eröffnungsszene von „A Serious Man“ eignet sich dazu besonders gut.

Zum Video von „A Serious Man“

Ursprünglich unterschied man beim Jiddischen übrigens noch zwischen West- und Ostjiddisch. Das Westjiddische gilt allerdings als weitestgehend ausgestorben. Wenn von Jiddisch die Rede ist, bezieht man sich also in der Regel auf das Ostjiddische. Das sogenannte Judendeutsch wiederum war eine dem Deutschen sehr ähnliche Variante des Westjiddischen, und bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Umgangssprache der meisten deutschen Juden.

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