Der doppelte Plural des Wortes

Wörter 18. März 2018

Im Deutschen benutzen wir zwei Mehrzahlen für das Wort „Wort“. Wenn uns die passenden Worte fehlen, schlagen wir gegebenenfalls online ein paar Wörter nach. Die meisten anderen Sprachen kommen mit einer einzigen Plural-Form aus. Wieso haben also ausgerechnet wir zwei Mehrzahlen für einen Begriff? Das liegt daran, dass je nachdem die Bedeutung eine andere ist.

Worte scheint zunächst einfach eleganter, gehobener und poetischer zu klingen als Wörter. Da ist etwas dran, aber das ist längst nicht alles. Denn wie der Zwiebelfisch resümiert: „Wörter bestehen aus Buchstaben, Worte aus Gedanken.“ Zweifelsohne sind Gedanken bedeutungsvoller als Buchstaben. Aber beides sind eben auch völlig unterschiedliche Konzepte.

Das heißt, wir sprechen von Wörtern, wenn wir Wörter als kleinste grammatische Einheit eines Satzes meinen. Mit Worten meinen wir hingegen Zitate, Aussprüche, Redewendungen (bzw. Geflügelte Worte) oder die Sprache als Ganzes. Dass es im Plural diesen inhaltlichen Unterschied gibt, zeigt, dass auch das Konzept des Singulars Wort nicht so eindeutig ist wie angenommen. In der Einzahl verschmelzen beide Bedeutungsvarianten schlichtweg.

So viel zum Unterschied von Wörtern und Worten. Aber in sich ist Sprache dann doch nicht immer logisch: Denn wäre sie das, würde der Plural von Sprichwort eigentlich Sprichworte heißen – richtig ist allerdings Sprichwörter.

Algorithmus-Poesie

Schönes und Poetisches 10. März 2018

Alle, die regelmäßig Google nutzen, kennen das. Kaum beginnt man eine Frage in das Textfeld einzugeben, macht der Algorithmus der Suchmaschine eigene Vorschläge – basierend darauf, was den Leuten des jeweiligen Sprachraums am häufigsten auf dem Herzen liegt. Im Oktober 2012 fingen zwei Finnen an, besonders kuriose Suchanfragen auf ihrem Blog zu sammeln. Manchmal grenzt das, was Google da algorithmisiert, nämlich wirklich fast an Poesie.

Heute wird die englische Seite leider nicht mehr gefüttert, die anderssprachigen Versionen sind nicht mal mehr online. Ich finde allerdings, dass das Vermächtnis der Google-Gedichte nicht verloren gehen sollte, und habe deshalb ein paar besonders schöne Exemplare herausgekramt. Übrigens benutze ich normalerweise eine andere Suchmaschine – ich würde also behaupten, dass Google relativ wenig Datenfutter über mich hat. Mich würde deshalb interessieren, ob eure Vorschläge anders aussehen als meine, wenn ihr die gleiche Eingabe macht?

Eingabemaske der Suchmaschine google
Das sind die Fragen, die Deutschland wirklich beschäftigen.


Sind alle Rechtecke einander ähnlich? Das raubt auch mir seit Wochen den Schlaf.

Eingabemaske der Suchmaschine Google

Im Dialog mit Google gibt es keine Scham – Ehrlichkeit ist Programm.

Eingabemaske der Suchmaschine Google
Den letzten Punkt sehe ich auch als grundsätzliches Problem.

Eingabemaske der Suchmaschine Google
Kurios: Bei Internet-Problemen wendet man sich erst einmal an Google?

Rochade und rochieren

Wörter 5. März 2018

Für diejenigen die Schach spielen, ist das Wort vermutlich nicht neu. Ich war allerdings nie eine passionierte Schachspielerin. Und bei der Sportschau ist es mir bis jetzt auch nicht übermäßig oft zu Ohren gekommen. Es brauchte ein politisches Ereignis, um den neuen Begriff zu lernen: Rochade.

Am 30. Mai 2017 kündigte der damalige Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt an. Plötzlich berichteten sämtliche Medien von einer Personal-Rochade bei der SPD – und wie diese aussehen könnte. Ich zückte den Duden.

In erster Linie bezeichnet Rochade einen Spielzug beim Schach. Dabei werden König und Turm einer Farbe gleichzeitig bewegt. Diesen Schachzug hat sich der Sport abgeguckt: Rochade beschreibt hier einen Positionswechsel auf dem Spielfeld, den in der Regel die Außenspieler vornehmen. Und nicht zuletzt hat es der Begriff als Synonym für Ämtertausch auch in die Verwaltungssprache geschafft.

Nach der Ankündigung Sellerings musste die SPD zügig handeln – wer konnte das Amt in Mecklenburg-Vorpommern übernehmen? Die Wahl fiel auf Manuela Schwesig, damals noch Familienministerin in der Bundesregierung. Anfang Juni 2017 folgte sie Erwin Sellering als Ministerpräsidenten und übernahm auch seinen Landesvorsitz der mecklenburg-vorpommerschen SPD.

Das war Rochade Nummer Eins. Aber wer war in der Lage, in die Fußstapfen von Manuela Schwesig als Familienministerin zu treten? Die Lösung diesmal: Katarina Barley, bis dato Generalsekretärin der SPD, und Personalrochade Nummer Zwei. Hubertus Heil besetzte wiederum das frei gewordene Amt des Generalsekretärs. Rochade Nummer drei.

Rochade. Kein besonders schönes Wort. Es liegt mir irgendwie schwer im Mund. Wahrscheinlich, weil es so kratzig klingt. Erst muss man das R hinten im Rachen (noch so ein unangenehm auszusprechendes Wort) formen, dann mit dem Zungenrücken an den Gaumen für das CH wandern. Naja, aber immerhin ein neues Wort gelernt. 😉

In der neuen Bundesregierung sind die Rochaden übrigens nur so weiter gegangen. Hubertus Heil ist inzwischen nämlich Arbeitsminister, Katarina Barley neue Justizministerin.

Jiddish

Sprachen und Dialekte 10. Februar 2018

In meinem ersten Post bin ich am Rande schon auf das Jiddische eingegangen. Vor ein paar Tagen stieß ich dann beim Aufräumen meines Smartphones auf einen Podcast über den jiddischen Liedermacher Mordechaj Gebirtig. Das hat mich dazu bewogen, mich etwas intensiver mit der Sprache auseinanderzusetzen. Direkt zu Beginn sei gesagt, dass die Themen Jiddisch bzw. Jüdische Kultur natürlich viel zu komplex sind, als dass ich ihnen in einem kurzen Blogpost gerecht werden könnte. Versteht die folgenden Zeilen also eher als kurzen Sprach-Steckbrief. Wenn ihr euch historisch eingängiger mit dem Jiddischen auseinandersetzen wollte, kann ich euch diesen Artikel von Dirk Schumer empfehlen.

Der vollständige Name des Jiddischen lautet eigentlich Jiddisch-Deutsch. Jiddisch ist die Sprache der askenasischen Juden, also der Juden, die sich einst in Mittel-, Ost- und Nordeuropa niederließen. Weil es aufgrund dieser geografischen Lage entsprechend vielen Einflüssen ausgesetzt war, ist das Jiddische heute ein buntes Potpourri, eine „Promenadenmischung“ wie Dirk Schumer sie nennt, mit vielen hebräischen, slawischen, aber vor allem deutschen Anteilen. Auch die jiddische Grammatik basiert grundsätzlich auf der deutschen, weist aber auch zahlreiche eigene Entwicklungen auf.

Die Sprache der sephardischen Juden, also der Menschen jüdischen Glaubens, die von der iberischen Halbinsel stammten, heißt Ladino und hat kaum etwas mit dem Jiddischen zu tun. Beide haben jedoch gemeinsam, dass es sich bei ihnen um Alltagssprachen handelt. Auf Hebräisch und Aramäisch kommunizierten die Juden vor allem schriftlich, Ladino bzw. Jiddisch war für den direkten Austausch da. Natürlich schrieb man irgendwann auch auf beiden Sprachen. Während das Ladino allerdings lateinische Buchstaben nutzte, schrieb man Jiddisch und schreibt es auch heute noch mit dem hebräischen Alphabet, das aus 22 Zeichen ohne Groß- und Kleinschreibung besteht. Wie das im Ganzen aussieht kann man bei der Zeitung The Forward sehen. Sie erscheint monatlich in einer jiddischen Ausgabe und hat auch ein entsprechendes Online-Angebot:

Im späten 19. Jahrhundert wanderten viele Juden nach Nordamerika aus, wodurch das Jiddische zunehmend durch das Englische beeinflusst wurde. Aber auch umgekehrt zogen viele jiddische Wörter in das amerikanische Englisch ein, vor allem die Umgangssprache, der bekannteste Ausdruck darunter vermutlich bagel oder shmuck. Auch im Deutschen gibt es wahnsinnig viele Lehnwörter aus dem Jiddischen, sogenannte Jiddismen. Zum Beispiel „Stuss“ oder „Ische“. Und sogar das stetig wiederkehrende „Guten Rutsch“ am Ende des Jahres stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Jiddischen.

Ist es nicht ironisch, dass eine Sprache, die man jahrhundertelang versuchte samt ihrer Sprecher ins Abseits zu drängen und am Ende sogar auszulöschen, gerade auf das Deutsche einen solchen Einfluss genommen hat? Sprachen vor 1939 rund 10 Millionen Menschen jiddisch, liegt die Sprecherzahl heute geschätzt bei 1,5 Millionen. Wer mal ins Jiddische reinhört, wird staunen, wie viel man als Deutschsprachiger verstehen kann. Die Eröffnungsszene von „A Serious Man“ eignet sich dazu besonders gut.

Zum Video von „A Serious Man“

Ursprünglich unterschied man beim Jiddischen übrigens noch zwischen West- und Ostjiddisch. Das Westjiddische gilt allerdings als weitestgehend ausgestorben. Wenn von Jiddisch die Rede ist, bezieht man sich also in der Regel auf das Ostjiddische. Das sogenannte Judendeutsch wiederum war eine dem Deutschen sehr ähnliche Variante des Westjiddischen, und bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Umgangssprache der meisten deutschen Juden.

Voll schwul

Wörter 10. Januar 2018

An einem (schwulen) Sommerabend sitze ich nach der Theaterprobe noch eine Weile mit meinem Ensemble im Hofgarten. Einem der belebtesten Orte bei uns in Bonn, wenn die Temperaturen über 20 Grad klettern. Wir reden über unsere Schulzeit, vor allem über die ersten Jahre auf der weiterführenden Schule. Mir fällt ein, dass wir als Fünftklässler in der großen Pause immer ein selbsterfundenes Spiel spielten: Schwuli.

Politisch war das wohl schon damals nicht ganz korrekt. Aber uns Zehn- und Elfjährige interessierte das nicht besonders. Wir waren vielmehr damit beschäftigt, uns ein hochkomplexes Regelwerk für Schwuli auszudenken: Abhängig von der Zahl der Mitspieler gab es einen oder mehrere Fänger. Das waren dann unsere Schwulis. Sie hatten das Ziel, alle restlichen Mitspieler zu kriegen.

Wenn die Schwulis jemanden fingen, musste der oder die Gefangene in einem großen Ausfallschritt stehenbleiben. Er oder sie konnte nämlich befreit werden, indem einer der noch freien Spieler zwischen seinen bzw. ihren Beinen durchrobbte. Ihr könnt euch vorstellen, dass das Spiel bei einer Klassengröße von circa 25 Kindern selten ein Ende fand. 😉

„Hättet ihr das heute gespielt, hättet ihr euch ziemlich in Schwulitäten gebracht“, grinst Simon nach meiner Erzählung. Die anderen lachen und merken nicht, wie mir in diesem Moment zwei riesige Schuppen von den Augen fallen. Darüber habe ich noch nie nachgedacht! Haben die Wörter schwul und Schwulität etwas miteinander zu tun? Kommt Schwulitätvielleicht von schwul oder umgekehrt? Meiner Müdigkeit zum Trotz fange ich zu Hause direkt an zu recherchieren.

In Schwulitäten gerät man in Deutschland noch nicht so lange. Zunächst gab es nur die Wörter schwul und schwül. Beide bedeuteten bis ins 17. Jahrhundert hinein sogar dasselbe: Sie bezogen sich auf heißes Wetter mit relativ hoher Luftfeuchtigkeit, waren also Synonyme für drückend warm. Durch unterschiedliche Einflüsse nutzte die deutsche Sprachgemeinschaft schwul und schwül lange parallel. Stammt die eine Form vom niederdeutschen swul ab, liegt der Ursprung der anderen beim niederländischen zwoel.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte schwül sich schließlich durch – vermutlich deshalb, weil es klanglich besser zu seinem Antonym kühl passte. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus schwül dann der Ausdruck Schwulität, was so viel wie Schwierigkeit bedeutet. Der Gedanke dahinter leuchtet ein: Bei schwülem Wetter kommt man ins Schwitzen – ebenso wenn man in Schwierigkeiten gerät.

Ein Jahrhundert lang war die abgehängte Wortform schwul aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden, bis sie um 1900 als Synonym für homosexuell wieder auftauchte. Allerdings ohne positiven Beiklang, sondern abwertend gemeint. Aus heutiger Perspektive ist das schwer nachzuvollziehen, weil wir das Wort als sehr neutral wahrnehmen. Tatsächlich bezeichnen sich homosexuelle Männer aber erst seit den Achtzigern selbst als Schwule. Bis dahin war der Ausdruck eher eine Beleidigung.

Obwohl sich seine Bedeutung gewandelt hat, gibt es auch heute noch Homosexuelle, die den Begriff nicht gutheißen. So kam eine Umfrage aus dem Jahr 2008 zu dem Ergebnis, dass sich immerhin noch 13 % der homosexuellen Männer über die Verwendung des Begriffes ärgern. 27 % benutzen schwul nicht, stören sich aber auch nicht daran. Mit 59 % sind es allerdings doch die meisten, die den Begriff selbst gebrauchen.

Übrigens ist die bis ins 17. Jahrhundert noch gültige Bedeutung von schwul für drückend warm auch der Grund, warum man homosexuelle Männer heute manchmal warmer Bruder nennt.

In der lauwarmen, gar nicht schwülen Sommernacht nach der Theaterprobe gehe ich zufrieden ins Bett und denke an unsere kreativen Fang-Spiele in der großen Pause: Ich kichere. Heutzutage wären wir für unseren Spielnamen mit Sicherheit gerügt worden. Aber lasst uns mal ehrlich sein: „Schwuli“ klingt definitiv nach einem spaßigeren Pausenspiel als „Warmer Bruder“.

Deine Smileys haben Nasen

Sprachen und Dialekte 15. Dezember 2017

Kennt ihr sie noch? Die guten alten Emoticons? Das sind die Smileys, die man selbst aus Satzzeichen zusammensetzte und mit denen man seine Kurzmitteilungen aufhübschte, bevor die Emojis auf der Bildfläche erschienen. (Übrigens finde ich es auffallend, dass bei einigen inzwischen Haut- und Haarfarbe individualisierbar sind, damit sich niemand diskriminiert fühlt, aber keiner daran gedacht hat, dass es auch rothaarige Menschen auf dieser Welt gibt?!)

„Emoticon“ ist eine Neuschöpfung aus den englischen Wörtern „emotion“ und „icon“. Die kleinen Zeichenpuzzles helfen uns dabei, Gefühle wie Freude, Trauer oder Ironie zu vermitteln, wenn wir schriftlich kommunizieren – man uns die Gefühle also nicht direkt vom Gesicht ablesen kann. Um sie richtig zu entschlüsseln, muss man den Kopf nach links neigen.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich benutze Emoticons immer noch gerne. Als Kind der Neunziger fühlt es sich für mich oft natürlicher an, einfach schnell mal 🙂 hinter einen Satz zu klemmen anstatt das Emoji rauszusuchen. Mir ist allerdings aufgefallen, dass sich auch die Kinder der Neunziger in zwei Gruppen zu teilen scheinen. Ich gehöre zu der einen Gruppe, die ich einfach mal ganz bescheiden Die Coolen nenne. Die andere Gruppe bilden – wer kennt sie nicht? – Die Nasenbären.

🙂

Woran es liegt, weiß ich nicht – aber wenn mir jemand, der ungefähr mein Alter hat, einen Emoticon mit Nase schickt, verspüre ich unglaubliche Fremdscham. Geht euch das auch so? Woran liegt das? Nicht dass es schon mal vorgekommen wäre, dass ich deshalb das Interesse an einem Mann verloren hätte…

Na, wie war dein Tag? 🙂
– Ich kann nicht mit dir schreiben. Deine Smileys haben Nasen.

Die Geschichte der Emoticons beginnt 1982 in den USA. Der Informatiker Scott Fahlman macht am 19. September einen Vorschlag, wie sich witzige und ironische Äußerungen in E-Mails oder Chats markieren lassen, um Kommunikationsprobleme zu vermeiden. 

I propose that the following character sequence for joke markers:
🙂
Read it sideways. Actually, it is probably more economical to mark things that are NOT jokes, given current trends. For this, use
🙁

„:-)“ als Witzmarker bzw. „:-(“ als Marker für „kein Witz“. Fahlmans Idee macht es fortan möglich, in schriftlichen Texten in gewisser Weise nonverbal zu kommunizieren. Seine zwei Emoticons breiten sich nicht nur rasend schnell aus, die Leute erfinden auch eigene Zeichensequenzen für immer neue Gefühle und Zustände. Eine Übersicht findet ihr zum Beispiel hier.

Das lächelnde Gesicht mit Nase ist also der Ur-Emoticon. Ich vertrete die Theorie, dass es beim Emoticon so abgelaufen ist, wie bei jeder Form von Sprache: sie hat sich weiterentwickelt. In diesem konkreten Fall hat eine sprachliche Verkürzung stattgefunden: Denn der Bindestrich, der ikonisch die Nase repräsentiert, bedeutet für den Tippenden einen extra Anschlag auf der Tastatur, verlangsamt also den Kommunikationsprozess. Und da man das Gesicht auch nur mit Augen und Mund als solches erkennt – warum den Bindestrich nicht gleich weglassen?

„:)“ ist also ein Emoticon 2.0, eine weiterentwickeltes Zeichen. Wahrscheinlich rührt daher auch mein Schamgefühl beim Anblick des Klassikers „:-)“. Denn derjenige, der ihn benutzt, vermittelt den Eindruck, er habe diesen sprachlichen Entwicklungsschritt nicht mitgemacht. Und gehöre damit der Gruppe derer an, die den richtigen Slang im Internetz nicht kennen. Das ist so, als wenn ihr abends ganz analog in eine Bar geht, jemand neues kennenlernt und das erste, was die Person zum neuen Cocktail auf der Getränkekarte zu sagen hat, ist: „Geschmacklich finde ich den ziemlich knorke.“

Übrigens unterscheidet sich schriftliche nonverbale Kommunikation genauso wie „echte“ nonverbale Kommunikation zwischen den Kulturen. Nur in der westlichen Welt werden die Emoticons von links nach rechts gelesen. Die Japaner bauen die süßen Gesichter waagerecht.

^^
(^_^)
(^.^)
(ò.ó)
oder
(,,,)—=^.^=—(,,,)

Diese possierlichen Satzzeichengebilde machen außerdem deutlich, dass in Japan der Ausdruck der Augen wichtiger als der des Mundes zum Erkennen von Gefühlen ist. Bei uns in der westlichen Welt liegt der Fokus hingegen auf dem Mund. Übrigens hat sich gerade der oberste Emoticon bei uns sehr stark eingebürgert – anders als der Nasenbär erweckt er in mir keine Scham, sondern macht mich eher aggressiv. 😀 Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag.

Wem geht es ähnlich wie mir? Gibt es Emoticons, die ihr komisch findet? Die euch wie mich passiv-aggressiv machen oder bei deren Nutzung ihr einfach nur peinlich berührt seid? Ich bin gespannt!

Schicke Schickse

Wörter 18. November 2017
 

Mein allererster Blogbeitrag! Freude, Freude, Freude! Und direkt bei meinem ersten Beitrag brauche ich schon etwas Anlauf, um euch die Wahl des Themas zu erklären. 😉 Es geht um das böse Wort Schickse. So wie in: „Dann hat die olle Schickse vom Ordnungsamt mir tatsächlich noch 30 Euro wegen Beamtenbeleidigung aufgebrummt.“

Schickse ist laut Duden ein salopp abwertender Ausdruck für eine leichtlebige Frau – also ein Synonym für Prostituierte, Hure, Nutte… Ich erspare euch despektierlichere Synonyme. Das war jedenfalls jahrelang die einzige Bedeutung, die ich mit dem Schimpfwort verknüpft habe.

Sichtlich erstaunt war ich dann, als ich es vor ein paar Monaten in einem Song aus meinem derzeit liebsten Musical – „The Last Five Years“ – hörte, das ich gerade mit meiner Gesangslehrerin arbeite. Ich schenkte dem wenig musicalmäßigen Sprachgebrauch in „Shiksa Goddess“ allerdings keine weitere Beachtung, weil das Lied vom männlichen Protagonisten (Jamie) gesungen wird.

Ich musste es also nicht lernen und beschäftigte mich stattdessen mit den Songs der weiblichen Hauptrolle Cathy. Weil ich immer begeisterter von der Musik und der Erzählform des Musicals war, in Deutschland aber kein Theater weit und breit den Stoff im Programm hatte, kaufte ich mir die DVD – und stutzte wiederum, als mir der großartige Jeremy Jordan als Jamie auf dem Bildschirm entgegenschmetterte:

If you had a tattoo, that wouldn’t matter
If you had a shaved head, that would be cool
If you came from Spain or Japan
Or the back of a van
Just as long as you’re not from Hebrew school
I’d say, „Now I’m getting somewhere
I’m finally breaking through“
I’d say, „Hey, hey, Shiksa goddess
I’ve been waiting for someone like you.“

Das Musical The Last Five Years erzählt die Liebesgeschichte der Schauspielerin Cathy Hyatt und des Schriftstellers Jamie Wellerstein. Das Besondere: Mit jedem Song wechselt die Perspektive zwischen den beiden hin und her. Dabei schildert Cathy ihre gemeinsame Geschichte rückblickend und beginnt am Ende der Beziehung, während Jamie chronologisch erzählt.

In „Shiksa Goddess“ haben sich die beiden gerade kennengelernt. Der charismatische Jamie huldigt seiner Angebeteten Cathy und erklärt, er habe auf so jemanden wie sie gewartet. Also total verliebt. Wieso besingt er sie dann als Schicksengöttin? Fieser geht’s ja wohl kaum! War Cathy vorher vielleicht besonders leicht zu haben?

Nein, mit Promiskuität hat „Schickse“ nichts zu tun. Vielmehr ist es eines der zahlreichen Wörter, die das Deutsche – und eben auch das Englische – aus dem Jiddischen entlehnt hat. Es geht auf den nachantiken hebräischen Ausdruck „schiqesa“ zurück, der so viel wie „die Unreine“ bedeutet. Aus der Sicht von Menschen jüdischen Glaubens ist eine Schickse daher schlichtweg eine „Nichtjüdin“, ein „nichtjüdisches Mädchen“, manchmal auch ein „Dienstmädchen“.*

Ich hatte von dieser Konnotation bis zu meiner Recherche noch nie etwas gehört. Denn im Deutschen hat das Wort „Schickse“ im Laufe der Jahrzehnte einen negativen Beiklang bekommen. Anders in den USA, wo der Begriff „Shiksa“ auch heute nicht abwertend gemeint ist.

Dass das Wort bei uns eher als Beleidigung genutzt wird, ist wohl auch der Grund, warum die deutsche Version des Songs „Meine Göttin“ und nicht „Schicksengöttin“ heißt. 😉 Hört doch mal in The Last Five Years rein und sagt mir, wie ihr die Musik findet. Ich kann das Musical wirklich nur empfehlen!

Übrigens gibt es im Deutschen viele solcher sogenannten Jiddismen: Wir reden mit unserer Mischpoke gelegentlich mal Tacheles, freuen uns, wenn ein Ganove ordentlich ins Schlamassel gerät und werden meschugge, wenn wir beim Aufräumen merken, was für einen Haufen Tinnef sich in den Tiefen unserer Schubladen verbirgt. Ist es nicht ironisch, dass eine Sprache, die man jahrhundertelang versuchte samt ihrer Sprecher ins Abseits zu drängen und sogar auszulöschen, einen solchen Einfluss auf die deutsche Sprache genommen hat?

*Einen nichtjüdischen Mann nennt man übrigens Schekez.